8. + 20. Mai 2026 – Jakob der Lügner im Staatsarchiv – Lesungen in Marburg

Szenische und musikalische Lesung von Jurek Beckers Roman am 8. und 20. Mai 2026 jeweils um 18 Uhr im Hessischen Staatsarchiv Marburg 

Ein jüdisches Ghetto irgendwo in Polen. Umgeben von fiktionalen Ortschaften. Immer häufiger: Deportationen. Einzige Hoffnung der Insassen: Befreiung durch die Russen.

Einer schürt diese Hoffnung: Jakob, der Kartoffelpuffer-Gastronom. Die Rote Armee komme immer näher. Das wisse er aus seinem Radio. Ein Radio im Ghetto zu besitzen bedeutet Lebensgefahr. 

Doch Jakob ist ein Lügner. Er lügt gegen die Hoffnungslosigkeit. Ein Kavaliersdelikt? Eine Notwendigkeit? Ein Akt der Menschlichkeit?

Wie auch immer… 

Der 1969 im Aufbau Verlag erschienene Roman von Jurek Becker gilt als eines der erfolgreichsten Werke der DDR-Literatur. Der Papst der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki würdigte „Jakob der Lügner“ gar als einen der bedeutendsten Romane der Nachkriegszeit. Das Meisterwerk  besteche trotz des ernsten Holocaust-Themas im Ghetto durch eine melancholisch-heitere Erzählweise.

Die DEFA-Verfilmung von 1974 war als einziger DDR-Streifen für einen Oskar nominiert, 1977 als bester fremdsprachiger Film (https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/kalenderblatt/jakob-der-luegner-oscar-nominerung-100.html). Ihm folgte 1999 eine Hollywood-Produktion mit Robin Williams in der Titelrolle. In beiden Werken spielt Armin Müller-Stahl mit, in verschiedenen Rollen.

Eine stark gekürzte Autorenlesung von 1976 ist bei der hörverlag erhältlich, eine komplette Hörbuch-Fassung mit Schauspieler August Diehl von 2017 bei audible. 

In Zusammenarbeit von musica europa (https://musicaeuropa.de) und dem Netzwerk feindsender 2.0 entstand nun eine szenische und musikalische Lesung aus „Jakob der Lügner“, die im Mai zweimal im Hessischen Staatsarchiv Marburg zu erleben sein wird (siehe Flyer). Anlass ist der 81. Jahrestag des Kriegsendes am 8. Mai 1945.

Sprecher Hans Josef Schöneberger, Mitglied des Kreativ-Netzwerks MR7, freut sich auf die beiden Aufführungen zusammen mit Lilli Kirell (Gesang) und Martin Blankenhagen (Sounddesign):

„Im Mai endlich wieder auf der Bühne. Dank den Beteiligten, allen voran Kerstin Weiß von musica europa für Idee, Organisation und künstlerische Umsetzung.“ 

Die Fotos des Ensembles hat Lisa Parise während der Proben gemacht. 

Weitere Infos unter:

https://musicaeuropa.de/produktionen/8-mai-1945-musikalische-lesung/
https://gradert.at/jakob-der-luegner/

Mit 60 Gästen hatten wir bei unserer Aufführung im Hessischen Staatsarchiv Marburg vergangenen Freitag-Abend, den 8.5.2026, full house. Am Ende war das Publikum bewegt und spendete lange Applaus.

Die Aufführung erstreckte sich über drei Ebenen, was einen gewissen Informationsfluss notwendig machte: Lilli Kirell hat im Eingangsbereich aus dem Off gesungen, mit Blickkontakt zu Sounddesigner Martin Blankenhagen, der mit seiner Maschine eine Treppe höher stand und auch Blickkontakt zu Assistentin Lisa Parise hatte, die zusammen mit Dramaturgin und Regisseurin Kerstin Weiß ganz oben saß, wo Jupp Schöneberger als Erzähler durch die Geschichte führte, umgeben vom Publikum.

Nach dem erfolgreichen Abend freut sich unser Ensemble auf die zweite Aufführung an diesem Spielort am 20. Mai um 18 Uhr.

Über die Veranstaltung am 8.5.2026 hat Franz-Josef Hanke auf Marburg.news einen Artikel veröffentlicht, der im folgenden in voller Länge wiedergegeben ist:

Jakob der Lügner:
Schöneberger berührte mit Text von Jurek Becker

Veröffentlicht am 9. Mai 2026 von fjh

„Jakob der Lügner“ von Jurek Becker war Gegenstand einer musikalischen Lesung zum 8. Mai 1945. Schauplatz war das historische Treppenhaus des Hessischen Staatsarchivs Marburg.
Entstanden ist dieses Treppenhaus in den Jahren 1935 bis 1938. Die Deckengestaltung aus der Nazi-Zeit bot der Lesung einen passenden Rahmen: Otto Hupp hatte die Bordüre um das Dachfenster mit ornamentalen Hakenkreuzmustern gestaltet.

Die Nazi-Zeit bildet auch den Rahmen für Jurek Beckers Geschichte über Jakob Heym, die Dr. Hans Josef Schöneberger anlässlich des 81. Jahrestags der Beendigung des 2. Weltkriegs am Freitag (8. Mai) vortrug. Alle Stühle in dem oberen Foyer waren besetzt. Einige Interessierte saßen auf der Treppe und verfolgten die Lesung von dort aus.

Der hochliterarische Text von Jurek Becker schildert auf beeindruckende und mitunter beklemmende Weise, wie Jakob zufällig eine Nachricht über herannahende sowjetische Truppen aus einem Radio aufschnappt und im Ghetto verbreitet. Fortan glauben die Bewohner des Ghettos, Jakob sei als einziger dort im Besitz eines Radios. Dieser Irrtum verleitet sie dazu, ihm all seine Aussagen zu glauben. Ihn wiederum verleitet er dazu, ihnen mit Andeutungen Mut zu machen, die er sich einfach ausgedacht hat.

In seinem Text beschreibt Becker das Grauen meist nur durch sanfte Andeutungen, die die mörderische Gewalt des Nazi-Terrors gegenüber den Juden nur erahnen lassen. Deutlich schildert er aber die abgrundtiefe Angst, die alle vor ihren Bewachern haben. Dazwischen erzählt er von den unschuldigen Fragen eines Kindes und den Bäumen, deren Existenz im Ghetto verboten ist.

Einen Höhepunkt der Lesung bildete die Anekdote über ein Klohäuschen, das nur die Deutschen benutzen dürfen. Jakob sieht einen Wachmann mit einem Bündel Zeitungspapier auf das Häuschen mit dem Herz zulaufen und hofft auf aktuelle Informationen über den Krieggsverlauf. Nur mit einer List und der selbstvergessenen Hilfe eines anderen Juden gelingt es ihm, unentdeckt an das Papier zu gelangen. Aber die Schnipsel enthalten nur massenhaft Todesanzeigen sowie einige Berichte von Fußballspielen!

Mit sonorer Stimme und ausdrucksstarker Betonung las Schöneberger den Text über Jakob, der immer mehr Lügen über die herannahende Sowjetarmee verbreitet, um die Hoffnung seiner jüdischen Nachbarn am Leben zu halten. Zwischendurch sang Lilli Kirell mehrmals kurze Lieder, die entweder an „Bruder Jakob“ oder an ein hebräisches Volkslied erinnerten. Für die Inszenierung mit dem Rauschen des Windes im Hintergrund und die Auswahl der vorgelesenen Textpassagen zeichnete Kerstin Weiß verantwortlich.

Eindringlich und ausdrucksstark trug Schöneberger die Geschichte vor, der die gut 60 Anwesenden gebannt folgten. Nach 75 Minuten trat einige Sekunden Stille ein, bevor ein sehr langanhaltender lauter Applaus einsetzte. Sichtlich ergriffen bedankten sich hinterher einige Teilnehmende bei Schöneberger für seinen hervorragenden Vortrag.
Eine weitere Lesung von „Jakob der Lügner“ ist für Mittwoch (20. Mai) am gleichen Ort geplant. Wünschenswert wäre, wenn diese gelungene Darbietung auch vielen Schulklassen zugänglich gemacht würde. Schöneberger ist es am Freitag (8. Mai) gelungen, mit Beckers Text über Jakob den Lügner den Anwesenden die Schrecken der Shoa beeindruckend nahezubringen.

* Franz-Josef Hanke